Ein Pflaster reicht nicht – jetzt müssen die Geschichten pflegender Angehöriger gehört werden
Eine Initiative unseres Landesverbandes Baden-Württemberg soll pflegenden Angehörigen bundesweit eine Stimme geben. Denn Pflegepolitik darf nicht länger über die Köpfe derjenigen hinweg gemacht werden, die jeden Tag einen erheblichen Teil der Versorgung in Deutschland tragen.
Mit der Kampagne „Ein Pflaster reicht nicht.“ hat der SHV-FORUM GEHIRN Landesverband Baden-Württemberg eine Initiative gestartet, die weit über Baden-Württemberg hinausreicht.
Pflegende Angehörige können dort ihre persönliche Geschichte erzählen und sichtbar machen, was Pflege im wirklichen Leben bedeutet.
Der Bundesverband unterstützt diese Initiative ausdrücklich und ruft Betroffene aus ganz Deutschland dazu auf, sich zu beteiligen.
Denn die Probleme, um die es geht, enden nicht an einer Landesgrenze.

Pflegepolitik trifft Menschen – keine Statistiken
Die politische Diskussion über die Zukunft der Pflegeversicherung wird von Milliardenbeträgen, Beitragssätzen, Budgets und Leistungsansprüchen bestimmt.
Diese Diskussion ist notwendig.
Aber sie hat einen entscheidenden blinden Fleck, wenn diejenigen darin nicht vorkommen, die die Konsequenzen politischer Entscheidungen anschließend in ihrem Alltag tragen müssen.
Pflegende Angehörige gehören zu den tragenden Säulen unseres Pflegesystems.
Sie organisieren Termine, begleiten Arztbesuche, übernehmen Pflege, Betreuung und Beaufsichtigung, kämpfen mit Behörden und Kostenträgern, reduzieren ihre Arbeitszeit oder geben ihre Berufstätigkeit ganz auf.
Viele tun dies über Jahre oder Jahrzehnte.
Ihre Leistung lässt sich nicht allein in Euro beziffern.
Und trotzdem wird bei Reformen immer wieder darüber diskutiert, gerade bei diesen Menschen Leistungen einzuschränken oder Unterstützung neu zu begrenzen.
Baden-Württemberg setzt ein Zeichen
Mehr als 30 Selbstvertretungs- und Selbsthilfeorganisationen haben sich in Baden-Württemberg gemeinsam gegen drohende Einschnitte positioniert.
Die LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg, in der auch unser Landesverband organisiert ist, gehört zu den Trägern dieser Initiative.
In einer gemeinsamen Stellungnahme wird unter anderem vor Einschränkungen bei Entlastungsleistungen und Verhinderungspflege, einer schlechteren sozialen Absicherung pflegender Angehöriger sowie höheren Zugangshürden zu Leistungen gewarnt.
Die Botschaft ist eindeutig:
Die finanziellen Probleme der Pflegeversicherung dürfen nicht auf dem Rücken der Menschen gelöst werden, die das System schon heute wesentlich mittragen.
Der SHV-FORUM GEHIRN Bundesverband teilt diese Haltung ausdrücklich.
Aus Baden-Württemberg wird ein bundesweiter Aufruf
Mit „Ein Pflaster reicht nicht.“ wollen wir nun einen weiteren Schritt gehen.
Wir wollen nicht ausschließlich Forderungspapiere, Stellungnahmen und Zahlen sprechen lassen.
Wir wollen die Menschen sprechen lassen.
Deshalb können sich pflegende Angehörige aus allen Bundesländern beteiligen.
Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.
- Wie hat sich Ihr Leben durch die Pflege verändert?
- Welche Unterstützung bekommen Sie?
- Wo werden Sie allein gelassen?
- Wie erleben Sie Pflegekasse, Behörden und Versorgungssystem?
- Was funktioniert gut?
- Und was müsste sich dringend ändern?
Jede dieser Geschichten steht für einen Menschen.
Viele dieser Geschichten ergeben gemeinsam ein Bild, das politisch nicht ignoriert werden darf.
Je mehr Menschen mitmachen, desto größer wird der Druck
Eine einzelne Geschichte berührt.
Zehn Geschichten zeigen, dass etwas nicht stimmt.
Hundert Geschichten lassen sich nicht mehr ohne Weiteres als Einzelfälle abtun.
Und wenn Menschen aus Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein und allen anderen Bundesländern von vergleichbaren Problemen berichten, wird aus persönlicher Erfahrung eine politische Botschaft.
„An vielen persönlichen Schicksalen kann auch eine Regierung nicht einfach vorbeigehen. Wenn pflegende Angehörige aus ganz Deutschland zeigen, was politische Entscheidungen in ihrem wirklichen Leben bedeuten, entsteht eine Verantwortung, die sich nicht mehr hinter Zahlen und Haushaltszwängen verstecken lässt.“
Karl-Eugen Siegel, Vorstandsmitglied SHV-FORUM GEHIRN e.V.
Das Pflegeneuordnungsgesetz darf so nicht einfach weiterlaufen
Der vorliegende Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes hat erheblichen Widerspruch ausgelöst.
Auch für uns stellt sich deshalb nicht nur die Frage, an welcher Stelle einzelne Regelungen nachgebessert werden können.
Es stellt sich eine grundsätzlichere Frage:
Ist ein Reformansatz richtig, wenn ausgerechnet diejenigen zusätzliche Belastungen befürchten müssen, die die Pflege zu Hause überhaupt erst ermöglichen?
Unsere Antwort darauf ist klar: Nein.
Wenn eine Reform Fehlentwicklungen erkennen lässt, muss Politik die Kraft haben, sie zu stoppen und neu zu denken.
„Nachdem Nina Warken die politische Verantwortung für dieses Vorhaben abgegeben hat, liegt darin für ihren Nachfolger auch eine Chance. Der richtige Schritt wäre aus meiner Sicht nicht, ein hoch umstrittenes Vorhaben einfach weiterzutragen. Er sollte den vorliegenden Entwurf stoppen und eine Reform neu aufsetzen, die Pflegebedürftige und pflegende Angehörige nicht als Sparpotenzial betrachtet. Das wäre nicht nur angebracht – es wäre auch der sinnvollste Weg, sich nicht sehenden Auges in denselben politischen Strudel hineinziehen zu lassen.“
Karl-Eugen Siegel, Vorstandsmitglied SHV-FORUM GEHIRN e.V.
Eine Pflegeversicherung muss finanzierbar sein.
Aber Finanzierbarkeit allein ist noch keine Pflegepolitik.
Eine Reform muss sich daran messen lassen, was sie für die Menschen bedeutet.
Machen Sie mit
Deshalb richtet sich unser Aufruf an pflegende Angehörige in ganz Deutschland:
Teilen Sie Ihre Geschichte.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Denn während über die Zukunft der Pflegeversicherung entschieden wird, müssen diejenigen sichtbar werden, deren Zukunft von diesen Entscheidungen unmittelbar betroffen ist.
Jede Geschichte zählt.
Jede Erfahrung macht das Bild vollständiger.
Und je mehr Menschen sich beteiligen, desto schwerer wird es, ihre Lebenswirklichkeit politisch zu übergehen.
Pflege ist keine Randfrage.
Pflegende Angehörige sind keine stille Reserve des Sozialstaates.









